Das lange Warten auf die Psychotherapie
Wer psychische Probleme hat und Hilfe braucht, muss sich gedulden – bis zu neun Monate in Mittelsachsen
Allein in den vergangenen fünf Jahren haben psychische Erkrankungen laut einer aktuellen Studie der Betriebskrankenkassen um 17 Prozent zugenommen. Mehr als ein Drittel davon sind Depressionen. Dennoch herrscht weiterhin ein zum Teil erheblicher Mangel an Psychotherapeuten, der in Mittelsachsen besonders im Kreis Mittweida gravierend ist.
Mittweida/Freiberg. Untragbar lange Wartezeiten auf eine ambulante Therapie sind die schmerzhafteste Auswirkung des Psychotherapeutenmangels. Auch in Mittelsachsen. Wie Andrea Mrazek, Präsidentin der ostdeutschen Psychotherapeutenkammer, erklärte, müssten in Regionen Sachsens die Patienten rund ein Dreiviertel bis ein Jahr auf einen Termin warten.
In Mittelsachsen liegt nach stichprobenartigen Nachfragen die Wartezeit in vielen Praxen bei etwa fünf Monaten, teilweise darunter, aber in Einzelfällen auch bei bis zu neun Monaten. „Das ist nicht nur für die Kranken eine belastende Zeit, sondern auch für deren Angehörige“, sagt Mrazek, die selbst Verhaltenstherapeutin ist. Bei den psychischen Erkrankungen hätten vor allem die Fälle von Depressionen, ausgelöst unter anderem durch Mobbing oder das Burn-out-Syndrom (das Ausgebranntsein), zugenommen.
Im künftigen Großkreis Mittelsachsen könnte der Versorgungsgrad rein rechnerisch bei 92,7Prozent liegen. Nimmt man aber die jetzigen Kreise Mittweida, Döbeln und Freiberg unter die Lupe, ergibt sich ein ganz anderes Bild: Während in Freiberg mit 16und in Döbeln mit insgesamt 9Psychotherapeuten ein sehr guter Versorgungsgrad erreicht ist, sind im Kreis Mittweida nur 4,5 Psychotherapeuten-Stellen besetzt – ausgewiesen im Bedarfsplan sind 12 – und der Versorgungsgrad liegt hier bei mageren 35,5 Prozent.
Ein Grund für die teils großen Diskrepanzen zwischen Bedarf und tatsächlicher Versorgung ist laut Mrazek ein Paragraf des Sozialgesetzbuches, der neben anderen Kriterien der Erarbeitung des Bedarfsplans zugrunde liegt. In ihm wird festgelegt, dass jeweils 40 Prozent der Stellen mit psychologischen und 40Prozent mit ärztlichen Psychotherapeuten zu besetzen sind. „Und genau diese Plätze bleiben weitgehend unbesetzt, weil die psychotherapeutische Tätigkeit für Ärzte nicht attraktiv ist“, erklärt Mrazek. Denn in diesem Bereich werde am wenigsten verdient. Für Mediziner gebe es lukrativere Einsatzmöglichkeiten.
Für sie gibt es nur eine Lösung: „Die 40-Prozent-Regelung, die zunächst bis Ende 2008 bindend ist, darf nicht fortgesetzt werden, so dass die frei gebliebenen Stellen besetzt werden können. Es gibt genug gut ausgebildete Fachkräfte, die das übernehmen können.“
Es besteht dringender Handlungsbedarf, „die Wartezeiten müssen kürzer werden“, fordert Mrazek. Neben Depressionen seien Angst- und Suchterkrankungen häufige Gründe für eine Therapie. Die Ursache hierfür sieht sie vor allem in der angespannten Lage auf dem Arbeitsmarkt. Viele müssten im Job zu viel leisten und seien dann irgendwann ausgebrannt. Und wer trotz guter Ausbildung und guten Willens keine Arbeit bekommt, fühle sich oft nutzlos. Bei jungen Mädchen nehme die Problematik der Essstörungen breiten Raum ein. Kinder litten zunehmend unter der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) sowie unter Depressionen, die sich beispielsweise in aggressivem Verhalten äußerten.
Eine Ursache für das lange Warten sieht sie in einer verfehlten Bedarfsplanung. Diese wird vom Landesausschuss der Ärzte und Krankenkassen erarbeitet und legt fest, wie viele ärztliche und psychologische Psychotherapeuten im jeweiligen Kreis benötigt werden, um eine ausreichende Versorgung zu sichern. Doch das Ziel ist in fast keinem Kreis Sachsens erreicht.
Babette Philipp
Lokalredaktion Mittweida

