„Dramatisch verändert hat sich, was Kinder heute im digitalen und sozialen Raum erleben.“

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Familie verändert sich – und mit ihr die Lebenswelten von Kindern. Doch was bedeuten gesellschaftlicher Wandel, neue Familienformen und veränderte Rollenbilder für ihr Aufwachsen? Ist heute tatsächlich alles besser, alles schlechter – oder vor allem anders? Beim 5. OPT am 5. März 2027 in Leipzig widmet sich Prof. Dr. Sabine Walper diesen Fragen in ihrem Vortrag „Alles besser, alles schlechter? Der Wandel der Familie und seine Bedeutung für Kinder“. Im folgenden Interview gibt sie bereits vorab spannende Einblicke in das Thema und verrät, worauf Sie sich freuen können.
Frage: Der Titel Ihres Vortrages ist ambivalent. Was hat Sie zu dieser Fragestellung bewogen?
Professor Dr. Sabine Walper: Tatsächlich sind die Entwicklungen, die wir beobachten, durchaus ambivalent. Oft hört man den Satz: „Früher war alles besser“ – manchmal mit dem Zusatz „vor Covid“. Dabei handelt es sich nicht selten um eher romantisierte Vorstellungen. Denn manches hat sich tatsächlich verbessert: Die Möglichkeiten, Familie in ganz unterschiedlichen Konstellationen zu leben, sind größer geworden, Väter sind stärker involviert als noch vor zehn, zwanzig Jahren, Fragen der Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit lassen sich vielfach besser lösen, vor allem weil die frühe Bildung, Betreuung und Erziehung von Kindern in Westdeutschland massiv ausgebaut wurde. Keine Frage: Bildung ist ein komplexes Thema, aber es gibt durchaus Entwicklungen, die Anlass zur Zuversicht geben.
Gleichzeitig beobachten wir aber auch gegenläufige Trends. Ein Beispiel liefert die Trennungs- und Scheidungsforschung: Positiv ist, dass sich Väter auch in Trennungsfamilien heute stärker engagieren und häufiger engen Kontakt zu ihren Kindern halten als noch vor zehn Jahren. In dieser vergleichsweise kurzen Zeit hat sich viel verändert, und viele Kinder berichten von einer besseren Beziehung zu ihrem Vater.
Dennoch sehen wir beim psychischen Wohlbefinden und der seelischen Gesundheit von Kindern getrennter Eltern keinen Rückgang ihrer Nachteile gegenüber Kernfamilien – teilweise sogar eher eine Verschlechterung. Gerade diese Ambivalenz lohnt es sich genauer anzuschauen. Nur so erhalten wir ein realistisches und ausgewogenes Bild davon, wo wir Fortschritte gemacht haben und wo wir aufmerksam bleiben müssen, damit belastende Entwicklungen nicht weiter an Raum gewinnen.
Professor Dr. Sabine Walper ist interdisziplinär arbeitende Psychologin mit Professur für Pädagogik an der Ludwig-Maximilians Universität in München (i.R.) und ehemalige Direktorin des Deutschen Jugendinstituts. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Kindheits-, Jugend- und Familienforschung mit Fokus auf Wandel und Diversität von Familien, Coparenting, Erziehung und Eltern-Kind-Beziehungen, Wohlergehen und psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen sowie frühe Bildung und Erziehungs- und Bildungspartnerschaften.

Prof. Dr. Sabine Walper
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Frage: Welche Faktoren innerhalb der Familie sind für eine gesunde psychische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen besonders wichtig?
Professor Dr. Sabine Walper: Entscheidend sind zunächst der Schutz und die Geborgenheit, die die Familie bietet – insbesondere die emotionale Sicherheit, die für eine gesunde Entwicklung von großer Bedeutung ist. Sich akzeptiert und verstanden fühlen, aber auch darüber hinaus Zusammenhalt und positive Beziehungen in der Familie zu erleben, ist für das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit der Kinder wichtig. Ebenso wichtig sind die Lernmöglichkeiten und Anregungen, die Kinder in ihrer Familie erhalten und die ihre Entwicklung fördern. Und nicht zuletzt vermittelt die Familie Orientierung durch Regeln und Werte. Dazu gehört auch die Vorbildfunktion der Eltern und anderer Bezugspersonen. Zwar unterscheiden sich Familien darin, wie viele oder welche Regeln sie aufstellen, doch nur selten herrscht reines Chaos. Regeln des Zusammenlebens helfen Kindern, sich auch außerhalb der Familie in einer Gemeinschaft zurechtzufinden und mit anderen Menschen respektvoll und verantwortungsbewusst umzugehen.
Dieses Ziel findet sich auch im Achten Sozialgesetzbuch (SGB VIII) wieder. Dort wird das Recht junger Menschen auf die Förderung ihrer Entwicklung zu einer selbstbestimmten, eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit beschrieben. Die Familie leistet hierfür einen wesentlichen Beitrag.
Andererseits brauchen Kinder aber auch klare Erwartungen und die Erfahrung, dass sie selbst Verantwortung übernehmen, Rücksicht nehmen und ihren Beitrag in einer Gemeinschaft leisten müssen.
Frage: Sehen Sie, dass Familien oder Eltern heute weniger erziehungsfähig sind, was das Aufstellen und das Durchsetzen von Regeln betrifft?
Professor Dr. Sabine Walper: Eltern sind heute mit sehr unterschiedlichen und meist sehr anspruchsvollen Erziehungsbotschaften konfrontiert. Nehmen wir die bedürfnisorientierte Erziehung: Sie greift einerseits einen wichtigen Aspekt auf: Kinder brauchen Eltern, die ihre Bedürfnisse wahrnehmen und responsiv auf sie eingehen. Andererseits brauchen Kinder aber auch klare Erwartungen und die Erfahrung, dass sie selbst Verantwortung übernehmen, Rücksicht nehmen und ihren Beitrag in einer Gemeinschaft leisten müssen. Und das nicht erst im Jugendalter. Eltern verstehen sich häufig sehr stark als Fürsprecher ihrer Kinder und weniger als diejenigen, die ihnen auch etwas abverlangen. Diese Aufgabe wird dann teilweise an Kita und Schule weitergegeben. Für das pädagogische Personal ist es allerdings schwierig, wenn bestimmte Dinge nicht bereits in der Familie vermittelt und eingeübt werden.
Entscheidend ist deshalb die Balance zwischen Zugewandtheit und Anforderungen. Schon seit vielen Jahren zeigt die Erziehungsstilforschung, dass eine liebevolle und zugleich konsequente Erziehung Kindern Orientierung gibt und ihre Entwicklung unterstützt. Werden die Kinder dagegen zu selten vor Anforderungen gestellt, können ihnen wichtige Lern- und Entwicklungschancen verloren gehen. Echtes Selbstvertrauen entsteht vor allem, wenn schwierige Situationen erfolgreich gemeistert werden. Eltern stehen heute vor der Herausforderung, beides miteinander zu verbinden: die Bedürfnisse ihrer Kinder ernst zu nehmen und sie gleichzeitig darin zu unterstützen, zunehmend selbstständig – also eigenverantwortlich – und gemeinschaftsfähig zu werden.
Frage: Welche Veränderungen sehen Sie in den Familien, die sich auch in der psychotherapeutischen Behandlung von Kindern und Jugendlichen widerspiegeln?
Professor Dr. Sabine Walper: Trennung und Scheidung gehören heute zu vielen Biografien von Kindern und Jugendlichen. Entsprechende Erfahrungen können auch Jahre später in einer Psychotherapie eine Rolle spielen – etwa wenn die Folgen einer konflikthaften Trennung die psychische Entwicklung oder spätere Beziehungen belasten.

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Dabei ist nicht die Trennung der Eltern per se entscheidend, sondern vor allem, wie die Eltern damit umgehen. Rund die Hälfte aller Eltern findet nach einer Trennung einen kooperativen Umgang miteinander und übernimmt weiterhin gemeinsam Verantwortung für ihre Kinder. Gleichzeitig gibt es Familien, in denen Konflikte um Umgang, Sorgerecht oder Erziehungsfragen über Jahre bestehen bleiben. Auch weniger offen ausgetragene Konflikte können Kinder belasten, wenn etwa der Ärger über den anderen Elternteil auch für das Kind spürbar wird.
Eine mögliche Form des Coparenting – also der Gestaltung gemeinsamer Erziehungsverantwortung – ist die sogenannte parallele Elternschaft: Die Eltern reduzieren den direkten Kontakt auf das Nötigste und organisieren ihren Alltag mit dem Kind weitgehend getrennt voneinander. Das kann bei hoch konflikthaften Beziehungen entlastend sein, setzt aber voraus, dass beide Eltern die unterschiedlichen Vorstellungen und Erziehungsweisen des anderen aushalten können. Das gelingt nicht allen Familien gleichermaßen gut – und auch die unterschwelligen, verdeckten Konflikte können für Kinder zu einer erheblichen Belastung werden, mit der sie später auch in einer Psychotherapie konfrontiert sein können.
Eine besondere Herausforderung besteht darin, dass Eltern häufig gar nicht wissen, was ihre Kinder im Internet erleben.
Frage: Sehen Sie bestimmte Belastungen, die Kinder und Jugendliche von heute häufiger erleben als frühere Generationen?
Professor Dr. Sabine Walper: Dramatisch verändert hat sich vor allem, was Kinder heute im digitalen und sozialen Raum erleben. Studien zeigen, dass viele Kinder mit belastenden Erfahrungen im Internet konfrontiert werden – etwa mit Cybermobbing, der Veröffentlichung privater Bilder, Abwertungen oder Gewaltdarstellungen. Dabei müssen sie nicht einmal selbst Opfer sein: Auch das wiederholte Sehen von Krieg, Gewalt oder anderen verstörenden Inhalten kann Kinder nachhaltig belasten.
Während physisch erlebte Gewalt über längere Zeit zurückgegangen ist und das Recht auf gewaltfreie Erziehung seit 2000 gesetzlich verankert ist, ist digitale Gewalt heute deutlich präsenter. Eine besondere Herausforderung besteht darin, dass Eltern häufig gar nicht wissen, was ihre Kinder im Internet erleben. Aus Angst vor Ärger oder weil sie sich über ein verbotenes Online-Angebot hinweggesetzt haben, erzählen Kinder ihren Eltern möglicherweise nicht, was ihnen begegnet ist. Damit fehlt ihnen ein wichtiger Ansprechpartner, mit dem sie belastende Erfahrungen einordnen und verarbeiten können. Kinder sind mit solchen Erfahrungen deshalb heute teilweise stärker auf sich allein gestellt als frühere Generationen.
Frage: Wir haben viel über die Herausforderungen gesprochen, mit denen Familien heute konfrontiert sind. Welche Ressourcen und Stärken bringen Familien heute mit – und wie kann Psychotherapie dabei helfen, diese gezielt zu nutzen?
Professor Dr. Sabine Walper: Insgesamt haben sich die Eltern-Kind-Beziehungen deutlich verbessert. Das bescheinigen Jugendliche ihren Eltern und sehen sie auch eher als Vorbild für die eigene Kindererziehung als dies Jugendliche vor zehn, zwanzig Jahren berichtet haben. Familien verfügen damit heute über wichtige Ressourcen. Unser Verständnis von gutem Familienleben hat sich deutlich gewandelt: Kinderorientierung, Zuwendung und ein gewaltfreier Umgang haben an Bedeutung gewonnen.
Eine weitere wichtige Ressource ist das soziale Netzwerk der Familie. Dazu können insbesondere Großeltern, aber auch Freunde und andere Bezugspersonen gehören. Großeltern können Familien heute teilweise länger und stärker unterstützen, unter anderem weil sie aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung länger zur Verfügung stehen und Eltern bei der Geburt ihrer Kinder häufiger älter sind. Freunde können ebenfalls wichtige emotionale Unterstützung bieten.
Für die Psychotherapie ist deshalb ein differenzierter Blick auf das soziale Umfeld wichtig: Wer gehört zum Unterstützungsnetzwerk, welche Beziehungen sind tatsächlich hilfreich und welche eher belastend? Dabei kann eine Person für die Eltern eine schwierige Beziehung darstellen und gleichzeitig für das Kind eine wichtige Ressource sein. Gerade bei Kindern lohnt es sich daher, im therapeutischen Prozess genau hinzuschauen, welche Beziehungen ihnen Halt geben und welche Personen gezielt einbezogen werden können.
⇒ Den Vortrag von Frau Prof. Dr. Sabine Walper mit dem Titel “Alles besser, alles schlechter? Der Wandel der Familie und seine Bedeutung für Kinder” können Sie zum OPT am 05. März 2027 erleben. Hier geht es zur Programmübersicht und Ihrer Anmeldemöglichkeit.


