Fokus KiJu im September zur ICD-11: „Am Anfang ein trockenes Thema“

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„ICD-11 – Was ändert sich?“ – diesem Thema widmete sich die Fokus-KiJu-Online-Fortbildung im September. Rund 65 TeilnehmerInnen folgten dem Vortrag von Dr. med. Annegret Brauer, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie sowie Fachärztin für Humangenetik aus Halle (Saale).
Zu Beginn nahm die Referentin die Teilnehmenden mit zu den Ursprüngen der internationalen Klassifikation. Im 19. Jahrhundert zunächst zur Beschreibung von Todesursachen entwickelt, entstand mit der Übernahme durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 1948/49 eine internationale Klassifikation von Krankheiten, Verletzungen und Todesursachen. Ziel war und ist es, ein weltweit einheitliches System zur Verschlüsselung von Diagnosen und Leistungsdarstellungen zu schaffen – als Grundlage für Forschung, Statistik, Studien und Abrechnung.
Die WHO setzte die ICD-11 am 1. Januar 2022 international in Kraft. In Deutschland wird derzeit dennoch weiterhin die ICD-10-GM (German Modification) für die amtliche Regelkodierung verwendet. Die Einführung in das deutsche Gesundheitssystem könne nach Einschätzung von Dr. Annegret Brauer noch Jahre dauern. Sicher sei jedoch: „Wir können davon ausgehen, dass Doppelkodierungen eine große Rolle spielen werden. Große Kliniken zum Beispiel wenden bereits beide Codes an. Denn eine international einheitliche Anwendung sei für die Vergleichbarkeit von Therapiekonzepten von großer Bedeutung“, betonte Brauer. Auch mit Blick auf aktuelle berufspolitische Diskussionen und die Frage nach der Festlegung von Behandlungsdringlichkeiten könne eine präzise Diagnostik hilfreich sein: „Wir können uns an genaue Diagnostikkriterien halten und unser Handeln begründen.“
Kein reines Kinderkapitel mehr, Diagnosen über die gesamte Lebensspanne betrachtbar
Dr. Annegret Brauer gab einen kompakten Überblick über Aufbau und wesentliche Neuerungen der ICD-11. Bei jeder Hauptstörung werden unterschiedliche Aspekte berücksichtigt:
→ wesentliche erforderliche Merkmale,
→ zusätzliche klinische Merkmale,
→ Abgrenzung zur Norm beziehungsweise Schwellenwerte,
→ Verlaufsmerkmale,
→ entwicklungsbedingte Erscheinungsformen,
→ kulturell bedingte Merkmale,
→ sexuelle beziehungsweise geschlechtsbezogene Merkmale sowie
→ die Abgrenzung zu anderen Störungen.
Eine wesentliche Veränderung: Ein eigenständiges Kapitel für Störungen des reinen Kindesalters gibt es nicht mehr. Stattdessen enthalten die Diagnosen nun einen Entwicklungsaspekt und können über die gesamte Lebensspanne hinweg beschrieben werden. „Als einzige auf die Kindheit bezogene Störung ist die Bindungsstörung geblieben“, erläuterte Brauer.
„Heute kommen Patienten mit der Diagnose von TikTok“
Im weiteren Verlauf sprach die Referentin auch über Veränderungen, die sie in ihrer praktischen Arbeit beobachtet. Besonders deutlich werde dabei der Einfluss sozialer Medien auf das Verständnis psychischer Erkrankungen.
„Früher kamen Patienten mit Symptomen und ich habe die Diagnose gestellt. Heute kommen Patienten mit der Diagnose von TikTok und ich frage nach den Symptomen“, beschrieb Brauer ihre Erfahrungen. Das stelle die Diagnostik vor neue Herausforderungen. Gemeinsam mit den PatientInnen müsse häufig zunächst erarbeitet werden, was überhaupt als Symptom zu verstehen sei und welchen Schweregrad eine Symptomatik habe. „Zum Beispiel: Was unterscheidet ein Persönlichkeitsmerkmal von einem Symptom?“
Detailliertere Möglichkeiten für Diagnostik und Leistungsdarstellung
Am Ende der Veranstaltung zog Dr. Annegret Brauer ein positives Fazit zur ICD-11. Das Thema wirke zunächst vielleicht trocken. Habe man jedoch die neue Gliederung und Systematik erst einmal verstanden, eröffneten sich neue und detailliertere Möglichkeiten für Diagnostik und Leistungsdarstellung.
⇒ Die nächste Veranstaltung der Reihe Fokus KiJu findet am 7. Oktober von 11:00 bis 12:30 Uhr statt. Dann geht es um das Thema „Schulverweigerer“.





