Soziale Medien, digitale Plattformen und ihre politischen Dimensionen

Vortrag zum OPT beleuchtet, welche Themen die digitale Welt in die psychotherapeutische Praxis trägt.

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Soziale Medien gehören längst zum Alltag – oft so selbstverständlich, dass kaum noch auffällt, wie stark sie beeinflussen, welche Themen wir wahrnehmen und wie öffentliche Debatten entstehen. Gleichzeitig wächst die Kontroverse darüber, welche Rolle große digitale Plattformen für unsere demokratische Öffentlichkeit spielen: Fördern sie Austausch und Beteiligung – oder verstärken sie Polarisierung und Misstrauen?

Genau hier setzt der Vortrag von Dr. Philipp Lorenz-Spreen an, der zum Ostdeutschen Psychotherapeutentag (OPT) im März 2027 zu hören sein wird. Der Physiker mit dem Schwerpunkt soziale Systeme nimmt die Entwicklung digitaler Plattformen in den Blick und fragt, wie sich deren Strukturen auf gesellschaftliche Diskurse auswirken. Im Zentrum steht dabei die These, dass nicht einzelne Inhalte entscheidend sind, sondern die Architektur der Plattformen selbst – also die Art und Weise, wie Aufmerksamkeit gelenkt, verstärkt und verteilt wird.

Frage: Herr Dr. Lorenz-Spreen, wir alle nutzen täglich soziale Medien. Wo beginnt aus Ihrer Sicht dabei der politische Einfluss von Plattformen?

Dr. Lorenz-Spreen: Im Gegensatz zu klassischen Medien wie Zeitungen, in denen verschiedene Ressorts – etwa Politik und Feuilleton – klar voneinander getrennt sind, verschwimmen diese Grenzen in sozialen Medien häufig. Persönliche Meinungen, politische Einstellungen und weltanschauliche Perspektiven sind oft in Inhalte eingebettet, die auf den ersten Blick unpolitisch erscheinen. So kann beispielsweise ein Forum für Angler schnell zu Diskussionen über Umwelt- oder Naturschutzpolitik führen. Ähnlich verlaufen die Übergänge zwischen Sport-, Fitness- oder Lifestyle-Inhalten und politischen Positionen. Dadurch findet politischer Einfluss im Alltag oft indirekt statt, über Themen und Inhalte, die nicht ausdrücklich als politisch gekennzeichnet sind und deshalb häufig weniger bewusst wahrgenommen werden.

Dr. Philipp Lorenz-Spreen leitet an der TU Dresden im Center Synergy of Systems die Nachwuchsforschungsgruppe „Computational Social Science“ und er ist  Gastwissenschaftler am Zentrum für Adaptive Rationalität. Diese Gruppe erforscht den komplexen Online-Diskurs und dessen Auswirkungen auf Demokratien weltweit.

Frage: Ist das gefährlicher, weil es uns beiläufig trifft?

Dr. Lorenz-Spreen: Meiner Meinung nach ist das das große Problem sozialer Medien, dass die Trennung so unklar ist. Es ist bewusst schwierig gemacht, zu erkennen, was Werbung ist. Oft muss man genau hinschauen, um zu unterscheiden, ob es sich um einen normalen Videoclip oder um Werbung handelt. Gleichzeitig werden Produkte immer wieder in scheinbar gewöhnliche Inhalte eingebaut. 

Dieses Prinzip findet sich auch im politischen Bereich wieder. In sozialen Medien ist es oft schwer zu erkennen, woher Inhalte stammen und welche Absichten die Personen oder Organisationen dahinter verfolgen. Auf diese Weise kann Beeinflussung stattfinden, ohne dass wir damit rechnen – etwa wenn es zunächst um ein scheinbar unpolitisches Thema geht. Noch schwieriger wird es, wenn die politischen Botschaften von Influencerinnen oder Influencern kommen, denen wir aufgrund gemeinsamer Interessen vertrauen. Dann werden politische Inhalte gewissermaßen durch die Hintertür vermittelt. Meiner Ansicht nach ist das eine große gesellschaftliche Herausforderung und durchaus ein Risiko.

Lässt sich empirisch nachweisen, dass die Gestaltung und Funktionsweise einer Plattform das Verhalten der Menschen beeinflusst?

Frage: Sie sprechen von Plattformmacht. Was verstehen Sie darunter?

Dr. Lorenz-Spreen: Für mich ist Plattformmacht eine besondere Form von Macht. Plattformen stellen sich oft als neutrale Vermittler dar, die lediglich Menschen miteinander verbinden und die technische Infrastruktur bereitstellen. Tatsächlich nehmen sie jedoch Einfluss – nicht direkt über Inhalte, sondern über ihre Gestaltung und Algorithmen. Plattformen entscheiden, wer wann welche Inhalte sieht und wie Nutzerinnen und Nutzer miteinander interagieren können. Dadurch können sie Kommunikation und Wahrnehmung auf subtile Weise lenken. Genau das verstehe ich unter Plattformmacht.

Die zentrale Frage in der Forschung dazu lautet daher: Wie groß ist dieser Einfluss tatsächlich? Lässt sich empirisch nachweisen, dass die Gestaltung und Funktionsweise einer Plattform das Verhalten der Menschen beeinflusst? Oder sind individuelle Voreinstellungen so stark, dass Nutzerinnen und Nutzer unabhängig von der Plattform weitgehend gleich handeln würden?

Frage: Gerade findet eine intensive Diskussion über die Wirkung sozialer Medien auf Kinder und Jugendliche statt. Wenn Sie eine Bilanz ziehen müssten, wie bewerten Sie dieses Spannungsfeld? Überwiegt aus Ihrer Sicht der Wert der Teilhabe, oder sprechen die Risiken für stärkere Altersbeschränkungen?

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Dr. Lorenz-Spreen: Eine einfache Bilanz von „Vorteilen“ und „Nachteilen“ sozialer Medien ist kaum möglich, da die Auswirkungen sehr unterschiedlich sind. Manche Kinder und Jugendliche profitieren stark davon, andere erleben erhebliche Belastungen. Die Bewertung ist daher nicht nur individuell, sondern auch gesellschaftlich zu treffen.

Soziale Medien bieten grundsätzlich niedrigschwellige Möglichkeiten zur Information, Kommunikation und gesellschaftlichen Teilhabe. Gleichzeitig sind die großen Plattformen in ihrer heutigen Form vor allem kommerzielle Räume, in denen Aufmerksamkeit erzeugt und Inhalte sowie Produkte vermarktet werden. Demokratische Teilhabe ist dabei eher ein Nebeneffekt als das zentrale Ziel.

Vor diesem Hintergrund kann ein Verbot für Kinder und Jugendliche kurzfristig sinnvoll sein, um Risiken zu begrenzen und Zeit zu gewinnen, die Entwicklungen besser zu verstehen. Langfristig greift es jedoch zu kurz. Die zentrale Frage ist weniger „Verbot oder nicht“, sondern wie soziale Medien gestaltet und reguliert werden sollten. Langfristig wäre ich ganz klar dafür, zu sagen, wir müssen die Plattformen regulieren. Das ist natürlich schwieriger und tut auch mehr weh, weil es mit geopolitischen Spannungen verbunden sein wird.

Ziel müsste sein, Plattformen so weiterzuentwickeln, dass sie demokratische Teilhabe und Orientierung tatsächlich fördern. In ihrer aktuellen Ausgestaltung leisten die großen Plattformen das mit klarer Sicherheit nicht und müssten entsprechend gesteuert werden.

Übertragen auf den politischen Kontext bedeutet das, dass Inhalte wie Negativität, Hassrede oder Polarisierung Belastungen verstärken und damit auch psychische Stabilität beeinträchtigen können.

Frage: Welche Rolle spielt Psychologie oder gar die Psychotherapie in dieser digitalen Welt?

Dr. Lorenz-Spreen: Viele Fragen der Digitalisierung liegen gewissermaßen „unter der Oberfläche“. Wenn wir uns anschauen, wie Menschen mit Chatbots oder Social-Media-Feeds interagieren, wird deutlich, dass es sich dabei oft um sehr individuelle Nutzungssituationen handelt. Entscheidend sind dabei auch persönliche Voreinstellungen, aktuelle Lebensumstände oder psychologische Faktoren. Menschen, die etwa bereits belastet sind, eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur oder entsprechende familiäre Hintergründe haben, reagieren häufig anders auf Inhalte in sozialen Medien und sind für bestimmte Botschaften empfänglicher. Diese Faktoren müssen berücksichtigt werden, um die Wirkung sozialer Medien besser zu verstehen.

Für die Psychotherapie zeigt sich dabei zunehmend, dass die Nutzung sozialer Medien einen relevanten Einfluss auf die mentale Gesundheit haben kann. Übertragen auf den politischen Kontext bedeutet das, dass Inhalte wie Negativität, Hassrede oder Polarisierung Belastungen verstärken und damit auch psychische Stabilität beeinträchtigen können. Deshalb gewinnt der digitale Alltag in der therapeutischen Arbeit an Bedeutung und sollte stärker mitgedacht werden.

Dazu gehören auch Phänomene wie Cybermobbing oder direkte soziale Konflikte, die Menschen unmittelbar betreffen. Anders als klassische Medien wie das Fernsehen sind soziale Medien keine rein rezeptiven Angebote, sondern interaktive soziale Räume, in denen echte zwischenmenschliche Kommunikation stattfindet. Genau das macht ihren Einfluss auf die psychische Gesundheit grundlegend anders und potenziell relevanter für die therapeutische Praxis.

 

⇒ Den Vortrag von Dr. Philipp Lorenz-Spreen mit dem Titel “Das komplexe Zusammenspiel von Plattformmacht und Demokratie” können Sie zum OPT am 05. März 2027 erleben. Hier geht es zur Programmübersicht und Ihrer Anmeldemöglichkeit.

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